Der Kirschbaum

English Version

Querstreifen sind in

Sie sehen hier die typische Borke einer Kirsche. Zusammen mit der dichten, gehäuften Schar von Knospen am Ende eines Triebes kann man einen Kirschbaum mit etwas Übung auch im Winter gut erkennen.

Die glänzende, rotbraune, sich in horizontalen Streifen ablösende Borke wird manchmal auch als Ringelborke bezeichnet. Die markanten Querstreifen werden durch die sogenannten Lentizellen oder Korkporen gebildet. Der Baum benötigt diese zum Gasaustausch in der Rinde.

 

Ahnfrau Vogelkirsche

Urahnin unserer Kulturkirsche ist die Vogelkirsche (Prununs avium ssp. Avium, avis = lat. Vogel). Noch heute findet man diese schönen Bäume an Waldrändern und Böschungen. Wie der Name schon sagt, sind die Früchte bei Vögeln sehr begehrt, diese verbreiten die Samen. Aber bereits unsere mittelsteinzeitlichen Vorfahren dürften die Früchte gegessen haben, wie archäologische Funde belegen.

Die Alten Römer nannten Kirschen cerasus nach der Stadt Kerasos, dies wurde von den Germanen übernommen und wurde im Lauf der Zeit zu Kirsche. (vergl. auch franz. cerise und engl. cherry) Seit 1469 ist Kirsche nachweisbar.

 

Köstliche Kriegsbeute

Doch Vogelkirschen sind nicht besonders süß und das Fruchtfleisch im Verhältnis zum Kern sehr wenig. Erste erfolgreiche Züchtungen scheinen an der kleinasiatischen Schwarzmeerküste gelungen zu sein (siehe auch Info zur Obstbaum-Veredelung). Von der dort eroberten Stadt Kerasos brachte der römische Feldherr Lucius Lucinius Lucullis im Jahre 74 v. Chr. die ersten großen, saftigen Süßkirschen heim nach Rom. Schön, dass kaum noch jemand von den Schlachten dieses Herrn Lucullus weiß, aber ihn die meisten mit Gaumenfreuden in Zusammenhang bringen. Er dürfte verstanden haben, sich ein Denkmal zu setzen!

 

Symbolträchtige Kirsche

Die süßen, saftigen, prall roten Früchte gelten als Attribut der Liebe. Zuweilen haben die Früchte sogar Herzform. Und als ein bisschen sündig galten sie auch immer, nicht nur angesichts des enormen Furchtzuckergehalts. Reife Kirschen sollen zu Sinnenlust und Leidenschaft führen, so sah sich die Kirche gezwungen, die Frucht ähnlich wie den Apfel als unrein und verboten zu schmähen.

Reife Kultur-Kirsche in Herzform.

Wohltuende Kirsche

Die Blätter junger Kirschbäume gehören zusammen mit Brombeer, Himbeer- und Erdbeerblättern in den guten Haustee. Ein Aufguss der Fruchtstängel gilt als bewährtes, schleimlösendes Hausmittel bei anhaltendem Husten, insbesondere bei Kindern.

Ähnlich wie Pflaumen und Zwetschken bilden Kirschbäume bei Verletzungen der Innenrinde eine zähe, rötliche, gummiartige Masse als Wundverschluss, das sogenannte „Katzengold“ oder „Kirschgummi“. In Wein aufgelöst hielt man dies für einen vortrefflichen Hustentrank.

Noch heute kennen wir die wohltuende, wärmende Wirkung eines Kirschkernkissens: getrocknete Kerne werden eingenäht, aufgewärmt und dienen als Bettwärmer.

 

Kirschblütentrunkenes Japan

Das Lignorama hat einen engen Bezug zu Japan, war unser Hauptgebäude doch als Österreicher-Pavillon 1998 bei den Olympischen Winterspielen in Hakuba/Nagano. In keinem anderen Land wird dem Kirschbaum eine ähnlich innige, aufrichtig empfundene Wertschätzung zuteil wie in Japan. Seit etwa 1000 Jahren wird dort dem Baum zu Ehren das Kirschblütenfest gefeiert. Es heißt, dass die Kirschblüte, deren Anmut nie erlischt, den wahren Kern, das Geheimnis Japans in sich birgt.

Blüte der Vogelkirsche (Prunus avium ssp. avium) . Die Vogelkirsche ist die Wildform und Ahnfrau unserer Kultur-Kirsche und noch  manchmal an Waldrändern zu finden.

 

Quelle: Doris Laudert „Mythos Baum“, BLV Verlagsgesellschaft, München 2003.