Obstbaum-Veredelung

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Wilde, starke Mutter Kirschpflaume,
feine Tochter Marille

In der Natur vermehren sich Pflanzen meist entweder durch Samen, die keimen und wachsen oder vegetativ: neue Pflanzen entwickeln sich aus den bestehenden Wurzeln, Zweige senken sich zum Boden, bilden neue Wurzeln und schließlich eine junge Pflanze.

Ein Großteil unserer kultivierten und gezüchteten Baum-Obst-Arten wird anders vermehrt: durch die sogenannte Veredelung.

ZÜCHTUNG. Gezüchtet wurde Obst bereits in der Antike: dabei werden erwünschte Eigenschaften wie großer Fruchtfleischanteil, Süße, Saftigkeit usw. vermehrt und unerwünschte Eigenschaften soweit als möglich verringert: Bitterkeit, schwer lösliche und im Verhältnis zum Fruchtfleisch große Kerne usw. Es werden nur Samen von Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften verwendet. Generell systematische Zuchtauswahl bei Pflanzen sind seit rund 11 000 Jahren nachgewiesen.

VEREDELUNG. Ausgangspunkt ist ein junges Bäumchen einer meist robusten Pflanzenart  (die sogenannte „Unterlage“). Die wenigen Zweige des Bäumchens werden schräg abgeschnitten, auf der Schnittstelle werden Zweige des gewünschten Edel-Obstes befestigt. Die Zweige verwachsen miteinander: die wachsenden Zweige und das Obst daran haben die gewünschten „feinen Ess-Eigenschaften“ aber der Stamm die Robustheit der Mutter.

Veredelung kennen wir von Äpfeln, Birnen, Kirschen, der „Familie Prunus“ zu der die Zwetschken gehören und vielen anderen Obstsorten.

WILDE MUTTER, FEINE TOCHTER Das Exponat, das Sie hier im Museum sehen ist eine Veredelungsstelle. Hier ist zu sehen wie mit dem Trägerbäumchen die Edelsorte – eine Marille – verwachsen ist. „Kopuliert (veredelt) durch Schrägschnitt“ verriet uns der Spender. Das wilde, starke Trägerbäumchen, auch Unterlage genannt, war in diesem Fall eine Kirschpflaume mit der glatteren Rinde. Sie gehört zur „Familie Prunus“.

 

An dieser Veredelungsstelle ist unten der ursprüngliche Baum (Kirschpflaume) mit der glatteren Rinde gut zu sehen. Dazwischen die Verwachsung der schrägen Schnittstelle. Oben die rauere Rinde des veredelten Marillen-Baumes.
Exponat Veredelungstück von Ulrich Sachs.

FAMILIE „PRUNUS“, die große Pflaumenfamilie (Prunus ist Latein für Pflaumenbaum). Zu dieser Familie gehören veredeltes Steinobst wie Pfirsiche (Prunus persica), Weichseln (Prunus cerasus), Marillen (Aprikosen, Prunus armeniaca) und Pflaumen (Prunus domestica) mit der Unterart Zwetschken (Prunus domestica subsp. Domestica). Aber natürlich auch wild in der Natur vorkommende Arten wie die Vogelkirsche (Prunus avium), Schlehdorn (Prunus spinosa) oder die „wilden Zwetschken“. Sie sind ja sozusagen der Ausgang der Züchtungen.

„WILDE ZWETSCHKEN“. Früher an Feldrainen, Bachufern, rund um Haus und Hof zahlreich anzutreffen, sind sie selten geworden, die Vertreter der „wilden Zwetschken“. Obwohl wild hier auch relativ ist: alle Unterarten sind untereinander kreuzbar, das wurde und wird gerne gemacht, die Vielfalt ist reich und die Unterscheidung auch für Pomologen (Apfelexperten) schwierig.

Uns geläufig ist das KRIECHERL, auch Krieche, Griacherl, Griech genannt (Prunus domestica subsp. insititia). Die Früchte sind kugelig, gelb bis rot, das Fruchtfleisch löst sich nur sehr schwer vom Stein (Kern). Blüht sehr früh im Jahr.

KIRSCHPFLAUME oder MYROBALANE (Prunus cerasifera) blüht als erste aller Steinobstarten, ähnlich wie Kriecherl. Die ebenfalls rundlichen Früchte können gelb, orange, rot, aber auch blau und schwarz sein. Der Stein (Kern) ist rötlich.

ZIBERL oder Zibarten sind etwas größer, von gelb-grün bis violett gefärbt und stark duftend. MIRABELLEN (Prunus domestiasubsp. syriaca) sehen den Kriecherln sehr ähnlich, blühen allerdings viel später.

RINGLOTTEN (Prunus domestica subsp. italica) sind gelb-grün bis blauviolett. Die Kronen der Bäumchen sind schmal, Äste aufwärts gerichtet, Achsen und Blütenstiele stark behaart.

Links: Frucht und Blüte eines Kriecherl-Baumes, rechts: Haus-Zwetschken.

 

Quellen: Ulrich Sachs (mündlich),
Klaus Strasser: „Von Kriacherln, Ziberl und Mirabellen. Die Pflaumenfamilie zeigt Farbe und Vielfalt“ in, Siedlerzeitung. Magazin des österreichischen Siedlerverbandes, Herbst 2020.
Otto Wasserman: „Heimischer Obstbau“, Tyrolia 1987.